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Rezension: Tagebuch eines Narren von A.Crowley

Diary of a drug fiend – Dieses auf wahren Begebenheiten basierende Romanwerk von Aleister Crowley wurde in neuer Edition vom SCIPIO Verlag unter dem Titel "Tagebuch eines Narren" herausgebracht. Die AHA Zeitschrift veröffentlicht hier eine Leseprobe mit anschließender Buchbesprechung.

Tagebuch eines Narren
- Leseprobe und Buchbesprechung -
Es ist gerade drei Monate her; doch es kommt mir wie ein ganzes Leben vor. Mein Gedächtnis ist jetzt sehr gut, und jeden Tag erinnere ich mich an mehr Einzelheiten aus der Vergangenheit. Ich schreibe diesen Bericht der zurückliegenden drei Monate, zum Teil, weil meine besten Freunde mir sagen, dass mein Gedächnis gestärkt würde, wenn ich es trainiere, indem ich die Ereignisse der Reihe nach niederschreibe. Und, wissen Sie, vor noch nicht einmal einem Monat wäre ich, was bestimmte Perioden betrifft, außerstande gewesen, mich an das Geringste zu erinnern. Mein Freund sagt mir, dass mein Gedächtnis zum Teil deshalb versagt, weil die Natur so barmherzig ist, schmerzhafte Dinge vor uns zu verstecken. Die Spinnweben des schützenden Vergessens sind vor die Öffnung der Höhle gewoben, die den Totenschädel und die blutigen Knochen unseres Unglücks verbirgt.
„Aber die großartigsten Menschen", sagt King Lamus, „sind jene, welche sich weigern, wie schreiende Kinder behandelt zu werden; die darauf beharren, der Realität in jeder Form ins Antlitz zu blicken, und gnadenlos die Binden von ihren eigenen Wunden herunterreißen." Aber ich muß angestrengt nachdenken, um die Vorfälle beim Dinner im Wisteria niederzuschreiben, als Lou und ich beschlossen, unserem Leben ein Ende zu setzen. Vor mehr als einer Woche hatte ich mir vom Apotheker etwas Blausäure besorgt. So lange hatten wir gebraucht, um uns aufzurappeln und so viel verzweifelten Mut zusammenzunehmen, um den entscheidenden Schritt zu tun. Irgendein Instinkt hielt uns davor zurück, an einem Ort wie jener Bruchbude in der Greek Street aus dem Sein auszusteigen. Wenn jeglicher Sinn für Moral verschwunden ist, so bleibt bei Männern und Frauen von gutem Geblüte dennoch ein Artinstinkt, der ihnen wie Macbeth und Brutus vorschreibt, auf eine positive und nicht auf eine negative Weise zu sterben.
Ich glaube, dass es einzig dieser Instinkt war, der uns von dem dreckigen Bett hoch zerrte, das wir wochenlang nicht verlassen hatten, in einen Zustand versunken, der weder Schlaf war noch Wachen. Nur mit einer gigantischen Anstrengung gelang es mir, aufzustehen und mich anzuziehen, hinauszugehen und mich zu rasieren. Einzig Erregung und die Idee des Todes befähigten mich, es zu tun. Im Krieg war es mir genauso gegangen; und so ging es vielen Männern. Es scheint, als wäre die Seele des Körpers überdrüssig und begrüße die Gelegenheit, sich seiner zu entledigen, ein für allemal. Aber galant will sie ihn darbieten, im Fluge oder im Kampf. Es ist ihr zuwider, tatenlos in einem Graben zu sterben. Ich bin davon überzeugt, dass nichts Geringeres als dies uns aus jener fötalen Erstarrung hätte herausholen können. Wir tranken Champagner, bevor wir losgingen, und wankten dann schwindelig über die unvertrauten Straßen. Eine flüchtige Attraktivität ging vom geschäftigen Treiben der Menschheit aus. Für einen Moment stieg etwas wie Bedauern darüber auf, sie zu verlassen. Doch hatten wir sie schon vor so unsäglich langer Zeit verlassen - in jeder denkbaren Bedeutung des Wortes. Statistiker, vermute ich, hätten uns als menschliche Wesen klassifizieren müssen, aber sicherlich niemand sonst. Wir hätten niemals in ihre Mitte zurückkehren können. Und selbst inmitten unseres Elends fühlten wir eine unwillkürliche Verachtung für die ordinären Gemeinplätze der Menschheit, die uns darin Befriedigung finden ließ, den Abstand zwischen ihr und uns noch weiter zu vergrößern. Warum noch die äußere Gestalt jener nichtigen Kriechtiere wahren? Sogar ihr Glück widerte uns an; es war so seicht und dämlich. Wir konnten sehen, dass unsere Erscheinung die Menschen im Wisteria schockierte. Der Maitre d'hotel hastete geschäftig herum und machte einige mitfühlende Bemerkungen darüber, dass wir schon seit langem nicht mehr dort gewesen seien. Ich sagte ihm, dass wir beide sehr krank gewesen waren; und dann warf Lou mit einer hohlen Stimme ein: „Heute abend wird es uns besser gehen."
Ihre Intonation war so voll böser Vorahnung, dass der Mann beinahe zurückgewichen wäre. Für einen Moment fürchtete ich, alles könne verdorben werden, doch ich rettete die Situation durch eine dumme, witzelnde Bemerkung. Dennoch konnte ich sehen, dass er sich unbehaglich fühlte und froh war, von unserem Tisch wegzukommen. Wir hatten ein wundervolles Dinner bestellt, doch natürlich konnten wir nichts essen. Der Frevel, sich all diese teuren Gerichte bringen zu lassen, eines nach dem anderen, und sie unberührt zurückgehen zu lassen, irritierte mich zunächst, dann begann er mich zu amüsieren. Vage erinnere ich mich an etwas aus der Geschichte der Begräbnisfeste. Es erschien eigenartig angemessen, unter solchen Bedingungen gen Westen aufzubrechen. Ja, wir nahmen an einer unheimlichen Zeremonie teil, wie die alten Ägypter sie gemocht hatten. Es kam mir sogar in den Sinn, dass wir bereits gestorben waren, und dass dies die höhnische Imitation unserer Begrüßung im Hades war, die Darbietung von Gerichten, die wir außerstande waren, zu uns zu nehmen. Und doch, zwischen uns und dem Unbekannten lag noch ein Schluck aus dem Fläschchen in meiner Manteltasche.
Das letzte Heroin hatten wir vor fast anderthalb Stunden genommen, und schon begannen die verhassten Schleier des Entzugs uns zu würgen. Wir hatten so viel intus, wie unsere Körper ertragen konnten. Wir hatten keinen Drang, mehr zu nehmen. Es würde uns nicht besser gehen, wenn wir mehr nähmen. Aber die Natur hatte bereits angefangen, das Gift abzubauen. Morphium und Heroin oxydieren im Körper. Die daraus entstehenden Giftstoffe, nicht die Drogen selbst, sind für die schrecklichen Folgen verantwortlich. So beginnt der Körper diese Stoffe durch Ausscheidung abzugeben; deshalb läuft einem die Nase; es gibt längere Phasen mit fauligem Schweiß; ein Geruch und ein Geschmack, der nicht einmal unangenehm genannt werden kann, man kann ihn nur als abscheulich im eigentlichen Sinne des Wortes bezeichnen: das, was Menschen abstößt. Es ist zu widerwärtig, als dass es unerträglich wäre. Man könnte sich eine gewisse Erleichterung verschaffen, indem man seine Zähne putzt oder ein türkisches Bad nimmt, doch fehlt einem jede Energie, um solche Dinge zu tun. Aber wenn man eine frische Dosis der Droge nimmt, werden die Bemühungen der Natur, sie auszuscheiden, für eine Zeit angehalten. Aus genau dem Grund ist es ein solcher Teufelskreis; und diese vorwarnenden Symptome der Abstinenz sind nichts als die Ankündigung des fauligen Atems jenes Drachen, der auf dem Weg ist, dich zu zermalmen.
Wenn man sich entschließt, die abscheulichen Symptome zu ertragen, wird der Dämon bald zu ernsteren Maßnahmen greifen. Lou hat in ihrem Tagebuch mehr oder weniger erklärt, worum es sich dabei handelt. Aber selbst mit den Mitteln des Dichters kann man keine Vorstellung davon vermitteln, wie es wirklich ist. Ein Beispiel: die Frage der Kälte. Der Leser denkt sofort an die Kälte des Winters. Wenn er ein wenig herumgekommen ist und über ein wenig Einbildungskraft verfügt, mag er an die Kälteschauer des Fiebers denken. Aber weder das eine noch das andere gibt annähernd eine Vorstellung von der Art der Kälte, die der Entzug hervorbringt. Unser Dichter, wer er auch sein mag (sein Name wird in der Zeitschrift nicht genannt), hat sicher Erfolg darin, seinem Leser die Wahrheit mitzuteilen, das heißt, vorausgesetzt, sein Leser kennt sie bereits. Ich kann mir nicht vorstellen, wie jemand es aufnehmen würde, der es nicht selber erfahren hat. Er übermittelt die Bedeutung sozusagen trotz der Wörter. Mit der Möglichkeit, etwas auszudrücken, verhält es sich sehr sonderbar. Wie könnte man jemandem, sagen wir, eine Liebesaffäre beschreiben, der niemals eine hatte oder sich auch nur eine vorgestellt hat? Alles, was Ausdruck bewerkstelligen kann, ist, die Eindrücke in der eigenen Erfahrung des Lesers wachzurufen, die andernfalls ruhen. Und nur im Rahmen dieser Erfahrungen wird er interpretieren, was gesagt oder geschrieben wird.
Lamus sagte letztens, dass er die Versuche aufgegeben hätte, Menschen die Ergebnisse seiner Forschungen mitzuteilen. Man könne ihnen noch nicht einmal zutrauen, einsilbige Wörter zu lesen, obwohl sie die besten Abschlüsse in den Geisteswissenschaften in Oxford erlangt haben mochten. Zum Beispiel hätte er an jemanden geschrieben „Tu, was Du willst" und sei postwendend dafür angegriffen worden, „Tu, wozu Du Lust hast" geschrieben zu haben. Jeder interpretiert alles im Rahmen seiner eigenen Erfahrung. Wenn Sie etwas sagen, das nicht exakt den gleichen Punkt im Gehirn eines anderen trifft, wird er Sie entweder missverstehen, oder er versteht Sie überhaupt nicht. Aus diesem Grund bin ich äußerst bedrückt über die von King Lamus auferlegte Verpflichtung, dieses Kapitel zu schreiben mit dem erklärten Ziel, die Welt über die Methoden zur Überwindung der Drogensucht zu unterrichten. Freimütig gibt er zu, dass er es als nutzlos empfindet, es selbst zu tun, aus dem einfachen Grund, weil er ein solch unnormaler Mensch ist. Er misstraut sogar mir, auf der Grundlage, dass er so viel Einfluss auf mein Leben und Denken hat.
„Selbst einer Mediokrität wie Ihnen, Sir Peter", sagte er mir letztens, „so stumpfsinnig Sie auch sein mögen, kann man in meiner Umgebung nicht trauen. Ihr Gehirn saugt unbewußt die hochgeladenen Teilchen meines Odems auf. Und bevor Sie auch nur wissen, wo Sie sind, drücken Sie schon nicht mehr sich selbst aus - wie wenig Selbst Ihnen auch zum Ausdruck zur Verfügung steht -, sondern wiederholen nur, in niederer Währung, die Worte der Weisheit, die von Zeit zu Zeit von meinen geläuterten Lippen tropfen." Es gab eine Zeit, da hätte ich ihm eine solche Bemerkung übelgenommen. Wenn ich es jetzt nicht tue, so nicht, weil ich meine Männlichkeit verloren habe; auch nicht, weil ich solche Dankbarkeit für den Mann empfinde, der mich gerettet hat. Der Grund ist, dass ich begriffen habe, was er meint, wenn er so spricht. Er hat die Idee seiner selbst vollständig abgetötet. Er rechnet sich seine wunderbaren Qualitäten nicht als Verdienst an, und sogar über die Härte gegen seine eigenen Schwächen ist er hinaus. Deshalb spricht er von den ernsthaftesten Dingen in der Sprache der Absurdität und der Ironie. Und wenn er mit ernster Stimme redet, dann akzentuiert seine Sprache nur den ungeheuren Sinn für Humor, der ihn, wie er selbst sagt, davor bewahrt, vor Schrecken wahnsinnig zu werden angesichts des Zustands, in den sich die Menschheit gebracht hat. Ebenso wie das Römische Reich zusammenzubrechen begann, als es universal wurde, als es so groß wurde, dass kein einzelner Verstand die Probleme, die es stellte, erfassen konnte, genauso übersteigen heute die Verbreitung populärer Bildung und die Entwicklung des Transportwesens die Möglichkeiten der besten Köpfe. Der Zuwachs an Wissen hat die Denker gezwungen, sich zu spezialisieren, mit dem Ergebnis, dass es niemanden gibt, der fähig ist, sich mit der Zivilisation als ganzer zu befassen. Wir sind in ein Schachspiel verwickelt, in dem niemand mehr als zwei oder drei Quadrate zugleich übersehen kann, und somit ist es unmöglich geworden, einen zusammenhängenden Plan zu entwerfen.
King Lamus versucht, eine Anzahl ausgewählter Menschen zu einer Art Gehirn für die Welt in ihrem gegenwärtigen Zustand des zerebralen Kollapses heranzubilden. Er lehrt sie, die Tatsachen in einer höheren Synthese zu verbinden. Es handelt sich dabei um die Vorstellung seines alten Lehrers, Prof. Henry Maudsley, bei dem er Psychopathologie studiert hat. Auch Herbert Spencer hatte eine ähnliche Theorie. Aber King Lamus ist der erste, der sich bemüht, diese Vorstellung in die Praxis umzusetzen. Es mag scheinen, als wäre ich sehr weit von unserer Abschieds-Dinnerparty abgeschweift; aber mein Verstand ist immer noch nicht in der Lage, sich so zu konzentrieren, wie er sollte. Heroin und Cocain befähigen einen, künstlich einen hohen Grad von Konzentration zu erlangen. Das muß mit einer langen Zeit der Gegenwirkung bezahlt werden, einer Zeit, in der man seine Gedanken überhaupt nicht mehr auf einen Gegenstand gerichtet halten kann. Es geht mir schon sehr viel besser, aber manchmal werde ich ungeduldig. Es ist so mühsam, sich nach den Vorgaben der Biologie wiederherzustellen, besonders dann, wenn man weiß, dass man durch eine einzige Dosis Heroin oder sogar Morphium augenblicklich den größten Geistern der Welt ebenbürtig würde. Wir hatten beschlossen, die Blausäure mit unserem Kaffee zu nehmen. Ich glaube nicht, dass wir Angst hatten vorm Tod; das Leben war zu einem solch unendlich langweiligen Wechselspiel geworden zwischen Zeiten der Stimulation, die uns nicht anregte, und Zeiten der Depression, die uns kaum mehr niederschlug. Es hatte keinen Sinn weiterzumachen. Es war ganz einfach die Mühe nicht wert. Andererseits ließ uns die Anstrengung, die es erforderte, zögern. Wir spürten, dass sogar zu sterben Energie erforderte. Wir versuchten es mit verzweifeltem Mut zu überspielen, und es gelang uns sogar, eine Art Ausgelassenheit hervorzurufen. Wir zweifelten nicht einen Moment daran, dass wir unseren Plan ausführen würden. Der Ober brachte zwei Peches Melba; und als er sich zurückzog, stand mit einem Mal King Lamus an unserem Tisch.
„Tu, was Du willst, sei das ganze Gesetz", drang seine ruhige Stimme zu uns. Zornesröte schoss mir ins Gesicht.
„Genau das haben wir getan", antwortete ich mit selbstüberzeugter Wut, „und ich vermute, dass der große Psychologe sehen kann, was daraus geworden ist."
Sehr traurig schüttelte er seinen Kopf und setzte sich auf den Stuhl uns gegenüber, ohne dass wir ihn darum gebeten hätten.
„Ich fürchte nein", sagte er, „bei einer passenderen Gelegenheit werde ich erklären, was ich meine. Ich sehe, Sie wollen mich loswerden; aber ich weiß, dass Sie sich nicht weigern werden, einem Mann zu helfen, wenn er in Schwierigkeiten steckt, so wie ich im Augenblick."
Lou war auf der Stelle ganz Mitgefühl und Zärtlichkeit; und selbst in dem Zustand, in dem ich mich befand, wurde ich eines schwachen Anflugs von Haß gewahr, sowohl ihr als auch ihm gegenüber. Tatsächlich wirkte allein die Anwesenheit dieses Mannes wie ein kräftiges Stimulans.
„Es ist nur eine Kleinigkeit", sagte er mit einem seltsamen Lächeln, „nur ein unbedeutendes literarisches Problem, vor dem ich stehe. Ich hoffte, dass Sie sich daran erinnern würden, dass ich Ihnen vor einer Weile ein Gedicht zu lesen gab." Seine Stimme war leichtfertig und hochmütig; aber dennoch lag darin eine unterschwellige Ernsthaftigkeit, die Aufmerksamkeit erzwang. Lou nickte leichthin; aber ich konnte sehen, dass ihr Herz, nicht weniger als mein eigenes, von einem säurevergifteten Pfeil getroffen war. Die Anspielung rief die furchtbaren Tage in Barley Grange in Erinnerung; und selbst das Bodenlose Loch des Nichts, in das wir seitdem gefallen waren, schien weniger abscheulich als das Feuermeer, durch das wir damals gingen. Das Gedicht klang durch mein Hirn, Stücke aus der Hymne der Verdammten. Seine Ellenbogen lagen auf dem Tisch, sein Kopf zwischen seinen Händen; einige Augenblicke lang beobachtete er uns aufmerksam.
„Ich möchte dieses Gedicht in etwas zitieren, das ich gerade schreibe", erläuterte er, „können Sie mir die letzte Zeile davon sagen?" Lou antwortete mechanisch, als ob er auf einen Knopf gedrückte hätte:
„Der Tod ist kein Ausweg!"„Danke", sagte er. „Es war mir eine große Hilfe, dass Sie sich zu erinnern vermochten." Etwas in seiner Stimme nahm lebhaft Besitz von meiner Einbildungskraft. Seine Augen brannten durch mich hindurch. Ich fragte mich, ob etwas Wahres daran war, was über die diabolischen Kräfte dieses Mannes erzählt wurde. Konnte er den Grund für unseren Cafebesuch erahnt haben? Ich war mir absolut sicher, dass er alles darüber wusste, obwohl das menschenunmöglich war.
„Eine sehr merkwürdige Theorie, die über den Tod", sagte er. „Ich frage mich, ob etwas daran ist. Es wäre wirklich zu einfach, wenn wir unseren Problemen so leicht entkommen könnten. Es schien mir immer so, als könne nichts je ganz getilgt werden. Die Probleme des Lebens sind in Wirklichkeit raffiniert zusammengesetzt wie ein Schachproblem, um uns zu verwirren. Wir können einen wirklichen Knoten in einem zusammenhängenden Stück Schnur nicht lösen ohne die Hilfe der vierten Dimension; aber wir können die komplizierten Strukturen entwirren, indem wir die Schnur in Wasser tauchen - und ähnliche Dinge", fügte er mit beinahe boshaft ernstem Ton hinzu. Ich wußte, was er meinte.
„Es ist sehr gut möglich", fuhr er fort, „dass die Rätsel des Lebens an uns hängenbleiben, wenn es uns nicht gelingt, sie zu lösen. Früher oder später müssen wir uns mit ihnen auseinandersetzen; und es scheint eine vernünftige Annahme, dass die Probleme des Lebens während des Lebens gelöst werden sollten, solange wir den Apparat zur Verfügung haben, in dem sie entstanden sind. Wir könnten feststellen, dass die Probleme nach dem Tod weiter bestehen, aber dass wir ohnmächtig geworden sind, mit ihnen umzugehen. Haben Sie jemals jemanden getroffen, der indiskreterweise über Drogenmißbrauch gesprochen hat? Vermutlich nicht. Nun, nehmen Sie mein Wort, jene Menschen geraten in einen Zustand, der in vielerlei Hinsicht dem Tode sehr ähnlich ist. Und das Tragische an der Situation ist dies: Sie fingen an, Drogen zu nehmen, weil das Leben - auf die eine oder andere Art - zuviel für sie war. Und was ist das Ergebnis? Die Drogen haben die Monotonie des Lebens, oder was immer ihr Problem war, nicht im mindesten gelindert, doch sind sie in einen todesähnlichen Zustand geraten, in dem sie ohnmächtig waren zu kämpfen. Nein, wir müssen das Leben erobern, indem wir es zur Gänze leben, und dann können wir dem Tod mit einem gewissen Ansehen gegenübertreten. Wir können diesem Abenteuer die Stirn bieten, so wie wir es mit den anderen getan haben." Seine Persönlichkeit strahlte Energie aus. Der flüchtige Kontakt mit seinem Geist hatte den Gedankenfluß zerstört, von dem unsere Seelen besessen waren. Doch war es eine beängstigende Qual, von der fixen Idee losgerissen zu werden, die sich als notwendige Folgerung aus dem Verlauf der Gedanken und Ereignisse einer so ausgedehnten Periode aufgedrängt hatte. Ich kann mir vorstellen, wie ein Mann, dem am Fuße des Schafotts eine Gnadenfrist gewährt wird, eine brennende Wut darüber erfährt, vom logischen Ergebnis seiner Entwicklung weg gezerrt zu werden.
„Feiglinge sterben viele Male vor ihrem Tod." Und jene, die sich, aus eigenem Willen oder ihm zum Trotz, entschlossen haben, ihrem Leben ein Ende zu setzen, müssen sich gegen Hinderungen verwehren. Wie Schopenhauer sagt, ist uns der Wille zu sterben ebenso angeboren wie der Wille zu leben. Ich kann mich an eine Menge Burschen in den Schützengräben erinnern, die Angst hatten, zum Stützpunkt zurückgeschickt zu werden; lieber wollten sie es hinter sich haben, als einen begrenzten Aufschub zu bekommen. Das Leben hatte aufgehört, kostbar zu sein. Sie hatten sich an die Konfrontation mit dem Tod gewöhnt und eine Angst vor dem Leben erworben, von der gleichen Qualität wie die Angst vorm Tod, die sie anfangs hatten. Leben war das Unbekannte geworden, das Ungewisse, etwas Schreckenerregendes. Eine heiße, grimmige Wut durchlief mich wie ein Fieberschauer.
„Verfluchter Kerl", brummte ich, „warum muß er nur immer überall reinplatzen?" Und dann sah ich, dass Lou das Fläschchen aus meiner Manteltasche genommen hatte und es King Lamus gab. „Ich glaube, Sie haben Recht, Basil", sagte sie. „Aber wenn Sie uns diese Flasche wegnehmen, liegt die Verantwortung in Ihren Händen."
„Beabsichtigen Sie, mich damit einzuschüchtern?" antwortete er lächelnd und stand auf. Er ließ die Flasche auf den Boden fallen und zertrat sie bedachtsam mit seinem Absatz.
„Jetzt", er nahm seinen Platz wieder ein, „können wir uns ernsthaft unterhalten." Die Dämpfe der Säure hüllten den Tisch ein. „Hydrozyanidsäure", bemerkte er, „ist ein hervorragender Wachmacher, wenn sie in dieser verdünnten Form vom System aufgenommen wird, aber sie in hoher Konzentration zu nehmen, ist eine Indiskretion." Ohne Zweifel tendierte der Mann zu dem, was man bei einer Frau als Quengelei bezeichnet. Andauernd benutzte er das Wort „Indiskretion", als ob es eine Waffe sei.
Wir zuckten beide zusammen. „Akzeptieren Sie mich", fuhr er fort, „als verantwortlich dafür. Sie aus diesem Malheur herauszuholen?" Wir hatten keine andere Wahl. Es ging uns gegen den Strich. Trotzdem murmelte ich etwas über Dankbarkeit. „Sie brauchen diesen Unsinn nicht zu sagen", erwiderte er scharf. „Es ist meine Aufgabe, Menschen zu helfen, ihrem Willen gemäß zu handeln. Die Dankbarkeit liegt ganz auf meiner Seite. Ich wünsche, dass Sie von Anfang an begreifen, dass Sie mir helfen, mein Dasein zu rechtfertigen, indem Sie mir erlauben, zu tun, was ich kann, um diese Verwicklungen zu bereinigen. Aber meine Bedingung ist, dass Sie mir eine Chance geben, indem Sie tun, was ich sage." Er wartete nicht einmal eine Zustimmung ab. „Ihre Nerven sind ein wenig angespannt", fuhr er fort. „Depression ist nur eine andere Form der Aufregung. Sie bedeutet eine Abweichung von der normalen Stimmung. Wenn Sie Ihren Kaffee getrunken haben, werde ich Ihnen auf ein Glas Gesellschaft leisten, wir gehen hinüber zu meinem Studio und probieren, was einige von jenen Tabletten ausrichten. Dann - wo wohnen Sie zur Zeit?" Wir sagten ihm, dass wir in unser altes Hotel in der Greek Street zurückgegangen sind.
„Kaum ein heilsames Viertel", bemerkte er. „Ich denke, heute nacht sollten wir den Anlaß in meinem Studio feiern, und morgen früh müssen wir uns um anständige Zimmer für Sie kümmern." Mir fiel ein, dass unser Heroinvorrat in der Greek Street war. „Wissen Sie, Lamus", stammelte ich, „ich schäme mich, es zuzugeben, aber ohne H. können wir es wirklich nicht aushalten. Wir haben es versucht - tatsächlich sind wir schon einmal davon losgekommen -, aber wir könnten das unmöglich noch einmal durchmachen."
„Nichts, worüber Sie sich schämen müßten, guter Mann", erwiderte unser Arzt. „Auch ohne zu essen können Sie es nicht aushalten. Das ist kein Grund, damit aufzuhören. Alles, was ich von Ihnen erwarte, ist, es vernünftig zu tun."
„Dann werden Sie uns nicht auf null setzen?" warf Lou ein. „Gewiß nicht, warum sollte ich? Sie nehmen, so viel Sie wollen und wann Sie wollen und wie Sie wollen. Das geht mich nichts an. Was mich angeht, ist, das Bedürfnis zu beseitigen. Sie sagen, Sie haben sich geheilt, aber das haben Sie nicht. Sie haben nur die Droge abgesetzt; das Bedürfnis blieb bestehen. Und sobald die Gelegenheit auftauchte, haben Sie wieder angefangen. Vielleicht haben Sie in Wirklichkeit die Gelegenheit gezielt herbeigeführt."
Der Mann war wirklich unheimlich. Ich muß gestehen, es machte mich fertig, immer wieder getroffen zu werden, wenn ich es nicht erwartete. Aber Lou nahm es ganz anders auf. Sie war froh, dass sie jemand so vollständig verstand. Sie klatschte in die Hände. Ich war erstaunt. Es war das erste Mal seit Monaten, dass ich sie auch nur die geringste Bewegung machen sah, die nicht absolut notwendig war.
„Sie haben völlig recht", sagte sie. „Wir haben darüber nicht miteinander gesprochen, und ich hatte nicht die mindeste bewußte Absicht, zu tun, was ich tat. Aber als ich nach London kam, bin ich sofort dorthin gefahren, wo ich mit Sicherheit Heroin bekommen würde. Und als ich zurückkam, stellte ich fest, dass Peter ausgegangen war, um den Mann zu suchen, der ihm früher Cocain verkauft hatte. Ich versichere Ihnen, es geschah nicht mit Vorsatz."
„Das ist genau das Problem", erwiderte Lamus. „Es führt einen an der Nase herum und hält einen davon ab, nach seinem eigenen Willen zu handeln. Ich erinnere mich daran, wie ich selber einmal damit experimentierte und in der Absicht ausging, den ganzen Tag von dem Zeug fernzubleiben, und wie ich dann, ohne es zu wissen, allerlei kleine Zwischenfälle als Gelegenheit benutzte, einige Stunden früher als beabsichtigt in mein Studio zurückzukommen. Natürlich bin ich mir sofort auf die Schliche gekommen und habe dabei einige Tücken des Bewußtseins kennengelernt. Und ich saß da und beobachtete mich dabei, wie ich Vorwände suchte, um wieder anzufangen. Man gelangt in einen absolut morbiden Zustand, in dem alles, was geschieht, eine Beziehung zu der Frage hat ,Soll ich oder soll ich nicht?'; und weil man so oft nein gesagt hat, ist man so zufrieden mit sich selbst, dass man versucht ist, sich zu belohnen, indem man ein einziges Mal ja sagt. Ich kann Ihnen eine sehr interessante Zeit versprechen, in der Sie Ihr Bewußtsein beobachten und all die kleinen Kniffe herausfinden. Das Großartige, das sie nicht vergessen dürfen, ist, dass Sie Freude an dem lernen müssen, was wirklich das Erfreulichste auf der Welt ist - Introspektion. Sie müssen Vergnügen daran finden, die Details des Unwohlseins ohne die Droge zu beobachten. Und ich wünsche auch nicht, dass Sie es übertreiben. Wenn das Unbehagen so akut wird, dass Sie es nicht mehr angemessen genießen können, dann ist die Zeit, eine kleine Prise zu nehmen und die Wirkungen zu beobachten. Ich hoffe übrigens, dass Sie ein braves, kleines Mädchen waren und das magische Tagebuch geführt haben." Lou war erstaunlich zufrieden, ja sagen zu können.
„Einiges davon ist sehr vollständig ausgefallen", sagte sie, „aber Sie wissen, es gab Tage und Wochen, in denen ich nicht denken, mich nicht bewegen konnte. Das Leben war ein fortwährender Kampf, zurückzukommen zu -" sie suchte zögernd nach einem Wort und schloss dann mit einem schmerzlichen, kleinen Lachen, „oh, irgendwohin." King Lamus nickte gemessen. Wir hatten unseren Kaffee ausgetrunken. „Nun", sagte er, „zur Sache", und führte uns zur Tür.Ich blieb einen Moment zurück, um die Rechnung zu bezahlen. Es lag noch immer ein schwacher Geruch von bitteren Mandeln in der Luft. Es erinnerte mich daran, wie das Dinner hätte ausgehen können, und ich zitterte am ganzen Leib wie in einem Anfall von Schüttelfrost. Was geschah in mir? War ich plötzlich ins Leben verliebt, oder war ich mir einfach der Angst vor dem Tod bewusst geworden? [...]

Aleister Crowley – Tagebuch eines Narren
Hardcover mit Schutzumschlag
ca. 450 Seiten, EUR 294,90
ISBN 978-3-937355-58-0
Verlag Scipio (www.scipio-verlag.de)

 

Diary of a drug fiend

- Olaf Francke -
"Ich bin die Schlange, die da gibt Wissen + Wonne und strahlende Herrlichkeit, und rühre die Herzen der Menschen mit Trunkenheit. Um mich zu verehren nehmt Wein und seltsame Drogen von denen ich meinem Propheten berichten werde, + berauscht euch damit! Sie sollen euch auch nicht schaden. Sie ist eine Lüge, diese Torheit gegen das Selbst. Die Zurschaustellung der Unschuld ist eine Lüge. Sei stark, o Mann, genieße, finde Gefallen an allen Dingen der Sinne und des Entzückens: fürchte nicht, dass irgendein Gott dich hierfür abweise."
A. Crowley: Liber CCXX; Vers II/22

Das vorliegende Werk, das Edward Alexander "Aleister" Crowley wahrscheinlich Ende 1921 verfasste, schildert im erzählerischen Stil Begebenheiten, die auf konkrete Ereignisse in der "Abtei Thelema" und zum Teil auch auf seine Zeit in Paris zurückzuführen sind. Der Verleger William Collins veröffentlichte es erstmals 1922 in London und es erhielt zunächst gute Kritiken in der Times. Die besagte "Abtei Thelema" war im Grunde der Vorläufer einer Hippiekommune, ein literarisches Vorbild hierfür hatte Crowley wohl bis zu einem gewissen Grad in Francoise Rabelais' Werk "Gargantua et Pantagruel" gefunden, einer Sammlung von Essays, in denen es eine Abtei im "Lande Thélèm" gibt, über deren Eingang geschrieben steht "Tu was Du willst". Der Wille als höchste ethische Instanz war für Crowley spätestens seit der Niederschrift des "Liber L. vel Legis" ("Das Buch des Gesetzes", verfasst ca. 1904) ein absolut der Verwirklichung wertes Ziel. Bis an sein Lebensende vertrat Crowley vehement die "Thelema-Gesetze":

Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern.
Tu was Du willst ist das Ganze des Gesetzes.
Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen.
Es gibt kein Gesetz; jenseits von:
Tu was Du willst.

Seine "Abtei Thelema", die er in einem alten Haus im Norden Siziliens, in Cefalu an der Contrada Santa Barbara, als Collegium ad spiritum sanctum gegründet hatte, war im Grunde eine billige Bruchbude. Von 1920 bis 1923 lebten und logierten hier Anhänger Crowleys, die ein Leben nach den Thelema-Gesetzen suchten, und es ging hier recht unkonventionell zu, was Magie, Sexualität und Drogenkonsum anging. Crowley wurde oft von den Medien und seinen Gegnern verrissen und als "Wickedest man of the world" bezeichnet, man sagte ihm Übles nach, darunter Schwarzmagie, Tieropferungen, Drogenkonsum, Hurerei und Sodomie (so nannte man früher die Homosexualität). Ein bisschen was von allem ist wohl mehr oder weniger auch dran gewesen, dennoch wurde und wird auch heute noch gern unterschlagen, was Crowley tatsächlich war. Er war Schriftsteller, Dichter, Maler, Poet, Ehemann, Liebhaber, Magier, Universalgelehrter, Schachspieler, Forscher, Bergsteiger u.v.m. - fragt man einen Thelemiten, einen evangelischen Sektenbeauftragten und einen Alpinisten nach Aleister Crowley, so erhält man völlig unterschiedliche Antworten, und keine davon ist wirklich völlig falsch.

Aleister Crowley wurde am 12. Oktober 1875 in Leamington Spa, Coventry, in eine sehr religiöse familiäre Umgebung hineingeboren, seine fundamentalistische Mutter bezeichnete ihn bereits früh als "Great Beast" in Anlehnung an die Offenbarung des Johannes. In seiner Schul- und Internatszeit fiel er bereits durch Eigenwilligkeiten und bisexuelle Tendenzen auf, was ihm entsprechenden Ärger einbrachte. Nachdem er seinen Vater, einen predigenden Bierbrauer und Betreiber von Fast-Food-Bistros recht früh verlor, begann er dann als volljähriger, betuchter Alleinerbe 1895 mit Weltreisen und der Bergsteigerei. Auch seine ersten Gedichte entstanden in dieser Zeit. Mit dem aufdämmernden 20. Jahrhundert begann Crowley, sich verstärkt für Okkultismus zu interessieren, er war seit 1899 Mitglied im Hermetic Order of the Golden Dawn, wo er unter anderem von Samuel Liddell McGregor Mathers detailliert in die Themen Magie, Kabbala und Tarot eingearbeitet wurde. Immer wieder jedoch zog es Crowley aus der Stadt hinaus in die Berge, im Himalaya versuchte er 1902 mit Oscar Eckstein am K2 im Karakorum eine Erstbesteigung, was für einen Asthmatiker wie Crowley ohne Atemschutzmaske eine enorm disziplinierte Leistung gewesen sein dürfte. Die asthmatischen Zustände waren es unter anderem auch, die Crowley an die Drogen brachten.

Um Aleister Crowleys Affinität zu Drogen aller Art zu verstehen, muss man wissen, in was für Zeiten er lebte, und man sollte sich von der aktuellen moralischen Bewertung des Themas distanzieren können. Nachdem er im Golden Dawn Orden initiiert war, lebte Crowley mit seinem Mentor Allan Bennett für einige Zeit in einer Wohngemeinschaft. Bennett experimentierte mit Drogen und ging gemeinsam mit Crowley auf die Suche nach "der Droge, die es ermöglichen würde, hinter den Schleier zu sehen". Im frühen 20. Jahrhundert war es darüber hinaus durchaus üblich, sich mit Heroin und Kokain gegen den gefürchteten Status Asthmaticus zu behelfen. Die Firma Bayer hatte Heroin und Morphin 1896 bzw. 1897 als Schmerz- und Hustenmittel in den Handel gebracht und die Anwendung sogar bei Kindern empfohlen. Es war dies eine Zeit, in der Kokainabhängige und Morphinisten wie Hitler und Göring noch nicht die halbe Welt in Schutt und Asche gelegt hatten, eine Zeit, in der man nach Möglichkeit ausschweifend feierte und sich gern beim Apotheker mit allerlei psychoaktiven Substanzen versorgte. So nimmt es also nicht wunder, dass Suchende wie Crowley durch Drogen versuchten, ihr Bewusstsein zu verändern bzw. zu erweitern.

Aleister Crowley vollführte Zeit seines Lebens den Spagat zwischen einerseits Thelema als Ausdruck höchster Selbstdisziplin und als eine Ethik des Willens, andererseits dem Gemüt als Wunschtriebsteuerung mit Hang zum Drogenkonsum und Vollrausch, was im Grunde der Antagonist eben jener Willensethik ist. Der Abgrund, über dem Crowley stets auf einem Hochseil aus Argument und Beschwichtigung balancierte, drohte permanent und düster, ihn zu verschlingen. Neben seinen hochtrabenden und euphorischen Auftritten, die Crowley immer wieder, sich selbst inszenierend, hinlegte, wird es auch Momente tiefer Depression und seelischer Selbstzerfleischung in seinem Leben gegeben haben. Die Art und Weise, wie große Teile der Gesellschaft auf seine Art der Freiheitsliebe reagierten, hat ihn oft zutiefst getroffen und ihn persönlich verletzt. Seine Ehe mit Rose scheiterte, Kinder und Freunde starben, Beziehungen hielten nie lange. Wo immer Crowley auftauchte - es gab fast immer Streit, der sich um seine Person drehte.

Um Aleister Crowley als Menschen zu verstehen, ist es notwendig, ihn auch als Menschen zu sehen - nämlich mit Höhen und Tiefen, mit Stärken und Schwächen. Er war einerseits ein ausgesprochen sensibler und empfindsamer Charakter, andererseits auch ein streitbarer Geist. Aleister Crowley hat Zeit seines Lebens polarisiert, an ihm schieden sich stets die Geister, für ihn galt: Love him or hate him. Für moralgelenkte und puritanische Bürger des ausgehenden 19. Jahrhunderts war er sicherlich ein enfant terrible, für andere, die bereit und in der Lage waren, über den eigenen geistigen Tellerrand hinauszusehen, war er eine Befreiung. Er trat durch sein Gesetz "Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern" bereits vor Einführung des Frauenwahlrechts (in Deutschland 1918, in der Schweiz 1971) für die Gleichheit der Geschlechter ein. Zuweilen war er sicherlich ein eitler Geck und Bohemian, der sich lange Zeit aufgrund seines Erbteils über Geld keine Sorgen machen musste, allerdings war er in späteren Jahren oft mittellos und auf die großzügigen Zuwendungen seiner Freunde angewiesen, die er hin und wieder ausgiebig in Anspruch nahm. Wenn es jedoch ans Arbeiten ging, also darum, grundlegende Werke zu Magie und Kabbalah zu verfassen, die durchaus neue Standards setzten, dann ging er pflichtbewusst und diszipliniert zu Werke. So heißt es, "Diary of a drug fiend" habe Crowley zur Gänze in nur 27 Tagen zu je 12 Arbeitsstunden druckreif ausgefertigt. Zu seinen herausragendsten literarischen Werken gehören Schriften wie zum Beispiel das "Liber 777", ein kabbalistisches Tabellen- Nachschlagewerk von beeindruckendem Umfang, das "Buch Thoth", eine detaillierte Ausarbeitung zu den von Crowley und der Malerin Frieda Harris neu konzipierten Tarotkarten, und das "Buch der Lügen", eine poetiscbe Sammlung von kabbalistisch relevanten Texten. Crowley schrieb seine Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Ritualmagie nieder, zum Beispiel im "Liber 418" und anderen Werken, die für nachfolgende Generationen von nicht geringer Bedeutung sein sollten.

Was die Magie und Spiritualität anging, so war Aleister Crowley gut ausgebildet und wohl informiert. Er hatte auf seinen Asienreisen die östlichen Systeme studiert, die Schriften Lao Tses studiert und übersetzt, Kunst im Umgang mit dem I Ging erlangt und Meditation sowie Yoga praktiziert. Viele dieser Kenntnisse und Fähigkeiten flossen in seine Werke mit ein, er veröffentlichte hierzu interessantes und originäres Material, zum Beispiel "Eight lectures on yoga".

Für den Ordo Templi Orientis (kurz: O.T.O.), einen deutschen Quasi-Freimaurerorden von 1903, dem er seit etwa 1910 angehörte und dessen englischsprachigen Zweig er ab 1912 leitete, verfasste Crowley auf der Basis seiner Thelema-Schriften bestimmte religiöse Werke, die zum Beispiel die Abläufe der Ordens-Gottesdienste regelten, Verhaltensregeln für Funktionäre enthielten und als eine Art Katechismus für die Ordensmitglieder und Gläubigen fungierten. Seine Thelema-Gesetze hielten somit Einzug in die sogenannte Gnostisch-Katholische Kirche des O.T.O., wo sie noch heute zum Standardrepertoire gehören.
Im O.T.O. kam es dann, wie es immer kommen musste - wegen seiner homosexuellen Anwandlungen wurde Crowley aus dem Orden ausgeschlossen.

1925 dann wurde er von den Okkultisten Heinrich Tränker, dessen Frau Helene, Albin Grau, Eugen Grosche, Karl Germer, Lea Hirsing, Martha Küntzel und Norman Mudd auf der sogenannten "Weida-Konferenz" in Thüringen zum "Lehrer der Welt" ausgerufen, allerdings widerriefen die Tränkers, Mudd und Hirsig kurz darauf ihre Unterschriften auf dem entsprechenden Dokument. Nun begannen für Crowley die düsteren Zeiten, in denen Mittellosigkeit und Drogenkonsum seine Aktionen im weitesten bestimmten. 1930 hatte er noch eine Ausstellung mit Gemälden in Berlin, später dann lebte er zusehends zurückgezogen. Gegen Ende seines Lebens wurde er noch einmal kreativ und wagte mit Frieda Harris eine Neuauflage des Tarot, hier ist insbesondere die moderne grafische Gestaltung unter Nutzung von Mitteln der projektiven Geometrie seitens der Malerin Harris hervorzuheben. Crowley blühte hier noch einmal zu altem Format auf. Aus der zum Teil erhaltenen, umfangreichen Korrespondenz der beiden ist ersichtlich, wie eng das Verhältnis während der Arbeit war, und als er am 1. Dezember 1947 heroinabhängig und altersschwach starb, war sie bei ihm. Seine letzten Worte waren angeblich: "I'm perplexed!"

Aleister Crowleys Leben und Werk beeinflusste viele Künstler und Intellektuelle, bis in die heutige Zeit hinein gilt er als Initiator, Inspiration und Wegweiser. Schriftsteller wie William Somerset Maugham und Filmemacher wie Kenneth Anger wurden durch ihn maßgeblich beeindruckt, Bands wie Black Sabbath und Led Zeppelin bezogen sich auf Crowleys Schriften. In der heutigen Zeit erleben Crowleys Werke besonders im Metal-Bereich eine Renaissance, Bands wie zum Beispiel Therion und Dimmu Borgir befassen sich mit Crowleyana, letztere nutzen sogar alte Tonaufzeichnungen von Crowley in ihren Musikstücken. Bruce Dickinson, der Sänger der Band Iron Maiden, war von Crowley offensichtlich so fasziniert, dass er gemeinsam mit Julian Doyle das Drehbuch für einen Film schrieb, in dem Crowley quasi die Hauptrolle hatte. Leider geriet das Werk zum grottenschlechten Horror-Trash-Movie. Große Teile der Hippiebewegung in den späten Sechzigern hatten Umgang mit Crowleys Werk und seine Thesen zum "freien Willen" fielen dort auf fruchtbaren Boden, aber auch Typen wie Charles Manson waren davon fasziniert. Ende der Siebziger Jahre reaktivierte Grady Louis McMurtry dann den seit Kriegsende brach liegenden O.T.O. und verschaffte Crowleys Werk ein wohl größeres Publikum als zu dessen Lebzeiten. Noch mehr als fünfzig Jahre nach seinem Tod spaltet Crowley die Menge derer, die von ihm gehört oder gelesen haben. Von manchen wird er als Begründer des "modernen Satanismus" verdammt, andere halten ihn für den "Propheten des neuen Äons", aber letztlich ist er noch heute, was er immer war - ein verdammt guter Schriftsteller und ein liebenswerter "Drug Fiend".

Was das Buch "Tagebuch eines Drogennarren" selbst angeht, so ist zunächst zu bemerken, dass es schön ist, mal wieder ein Crowley-Hardcover in der Hand zu halten. Solide Buchmacherkunst, macht sich nicht nur im Regal gut, sondern auch in der Hand.
Crowleys Geschichte ist insofern interessant, als dass sie viele Elemente enthält, die dem Insider hin und wieder ein schnippisches Lächeln aufs Gesicht zaubern. Aber, nichtsdestotrotz, ist diese Story auch für Leser, die mit Crowley eher weniger vertraut sind, absolut lesenswert. Sie gewährt exzellente Einblicke in die gesellschaftlichen Strukturen des frühen 20. Jahrhunderts, läßt den Leser sehr nahe teilhaben an den Befindlichkeiten, von denen die Bohemiens und Lebemenschen der upper middle class oft getrieben waren. Langeweile, die zu selbstzerstörerischen Akten führt, Gleichgültigkeit mit Hang zum Nihilismus, aber auch das Sich-produzieren in unverschämter Art und Weise sind Teil der Geschichte, aber ebenso tiefsinnige zielführend philosophische Ansichten tauchen auf, die Sorge tragen, dass es nicht allzu defätistisch im Rahmen der Erzählung zu geht. Viele von Crowleys Zeitgenossen begegnen uns in der Geschichte, Orte, an denen Crowley verkehrte, werden durch seine unterhaltsame Schilderung in unserer Phantasie zum Leben erweckt.

"Bohr Dein dämonisches Grinsen in mein Hirn,
Ertränk mich in Cognac, Liebe, Cocain."
-A.C, Tunis 1920-

Unverkennbar bemerkt man, dass diese Erzählung von jemandem geschrieben wurde, der zum einen literarisch gebildet und ausgebildet ist, zum anderen auch intensive Erfahrung mit Drogen aller Art gesammelt hat. Crowleys Schilderungen der Beschaffung, des Konsums und des Entzuges von Drogen wie z.B. Heroin und Kokain wirken völlig authentisch. Interessant ist, wie er in der Figur des King Lamus die thelemitischen Weisheiten verbaut, den Leser also an einer Metamorphose teilhaben läßt. Über King Lamus schrieb Crowley: „Ein Selbstportrait, in jeder Beziehung so getreu wie möglich". Crowley sah sich also selbst, zumindest in idealisierter Form, in dem King Lamus des Buches. Der mythologische King Lamus herrschte über die Lästrygonen, die kannibalischen Riesen, denen Odysseus auf seiner Fahrt begegnete. King Lamus' Festung war Telepylus, das angeblich im Westen Siziliens lag, auf Sizilien befand sich auch Cefalu, wo Crowley seine Abtei Thelema errichtete. Hier schließt sich ein interessanter Kreis in Crowleys Leben, der also nicht ganz zufällig auf Sizilien ansässig wurde.

cefalu

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